Stendal im Kampf für Heimat und das gute Gewissen

Kommentar zum Aufmarsch der Nazis am Samstag, dem 23. Januar 2016.

Seit Jahren hat es in Sachsen-Anhalt keine so große Menge an Naziaufmärschen gegeben. In Stendal rief der Aufmarsch von Die Rechte und Freien Kräften am 23.01. eine beeindruckende Reaktion seitens der Zivilgesellschaft hervor – bedenkt man die sonst übliche Ignoranz, das Totschweigen, die übliche zu Passivität geronnene Ohnmacht gegenüber dem konservativen Filz, die das sonstige politische Treiben sonst auszeichnet. Deprimierend ist, dass diese Reaktion aus symbolischem Treiben bestand, bis auf ein paar anerkennenswerte Ausnahmen. Wahlweise war man offensichtlich von Wahlkampf und bitter nötiger Profilschärfung angetrieben (z.B. die Stadtratssitzung auf dem Marktplatz), wahlweise wurden die üblichen Rituale zur Reinigung des Gewissens durchgeführt (abendliche Lichterkette für den Frieden).

Wie geplant liefen die Nazis an diesem Tag die Röxer Straße entlang. Hier scheiterte ein Blockadeversuch an der zu geringen Zahl an GegendemonstrantInnen. Auf Höhe der Tankstelle wurde das Pack von der Kundgebung der Studierenden, eingemauert hinter Hamburger Gittern, empfangen. Angeblich flogen Schneebälle und platzten auf den mehrere Meter entfernten Glatzen, weshalb ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher (!) Körperverletzung gegen Unbekannt eingeleitet wurde.
Ansonsten durch die Polizeipräsenz vollkommen abgeschirmt latschte der deutschnationale Haufen ins Wohngebiet hinein und wurde, vermutlich aufgrund einer erfolgreichen Blockade auf der Brücke Frommhagenstraße/Ecke Grabenstraße, umgeleitet. Der Marsch der Nazis wurde ausgerechnet in das teils migrantisch bewohnte Wohngebiet in der Friedrich-Ebert-Straße gelenkt – und in Richtung der Geflüchtetenunterkunft. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Linkspartei, die eine Kundgebung an der Zufahrt der Unterkunft angemeldet hatte und angeblich bis zum Abend aufrecht erhalten wollte, ihren Stand schon längst geräumt und die verantwortlichen ProtagonistInnen waren lieber auf der Kundgebung der Studierenden. Am Ende der Friedrich-Ebert-Straße machten die Nazis kehrt und latschten einfach den gleichen Weg wieder zurück. Wie zuvor bei den Linken war nun auch die Kundgebung der Studierenden bereits aufgelöst, was Protest auf dem veränderten Rückweg der Nazis unmöglich machte. So konnte der Nazihaufen unbehelligt wieder zum Bahnhof trotten und die Schrebergärten mit den üblichen Vernichtungsparolen beschallen.

Was von diesem Tag im Gedächtnis bleibt ist der extreme Wintereinbruch, der am Sonntag genauso schnell wieder weg war wie er am Samstag kam. In diesem Schneematschpfuhl, der Stendal am Demotag war, war allein die Polizei im Vorteil. Die kamen als Einzige in der geplanten Stärke an. In übertriebener Masse, im Verhältnis zu Nazis und GegendemonstrantInnen, und dementsprechend entspannt latschten die PrügelknabInnen also durch die Stadt, schikanierten hier, schubsten da, hielten sinnlos Leute fest und waren mit sich und der Welt sichtbar im Reinen. Volksverhetzende Musik indizierter Bands, Vermummungen, Bewaffnung mit Quarzsandhandschuhen und auch die Schneeballwürfe aus der Demo der Nazis wurden weitgehend ignoriert. Immerhin wurde in all der Selbstzufriedenheit das Prügeln vergessen.
Dass die vorab auf diesem Blog veröffentlichte Karte auch durch die Polizei genutzt wurde, ist nicht verwunderlich, die war vermutlich besser als das meiste, das polizeiinterne Leute zustande bringen können. Es lässt tief blicken.

Ebenfalls tief blicken lässt der Entschluss der Linken, ihre Kundgebung, die eigens zum Schutz der Geflüchtetenunterkunft angedacht war, noch vor bzw. zu Beginn der Nazidemo aufzulösen, ohne überhaupt sicher zu wissen, wo die Nazis denn nun endgültig laufen. Offenbar ging ihnen der Schutz der GU ziemlich hinten vorbei.
Einige Engagierte verbrachten den Abend in der Geflüchtetenunterkunft, um im Falle eines Angriffs möglichst schnell die Polizei zu alarmieren und antifaschistischen Schutz organisieren zu können. Wacker durchgehalten haben die Piraten am Wernerplatz, die ihre Kundgebung bis zum Schluss aufrecht erhielten. Ermutigend waren auch die Genossinnen, Genossen und unverzagten AntifaschistInnen, die sich an diesem Tag nicht davon abhalten ließen, nach Stendal zu kommen.

Hervorstechend war der ebenso kühne wie hoffnungslose Blockadeversuch von spektakulären zwei (2) Personen, einer beherzten Hochschulprofessorin und einer Linken-Abgeordneten im Wahlkampf. Die Harakiri-Aktion blieb, abgesehen von einer Beule und einem publikumswirksamen Erinnerungsschnappschuss für die Zeitung, folgenlos.

Die warmen vier Wände verließ an diesem Tag nur ein kleiner Teil der Stendaler Zivilgesellschaft. Davon war dann ein nicht unbeträchtlicher Teil auf dem Marktplatz herumsitzend anzutreffen. Dort zeigte man sich u.a. von Seiten der CDU verbalradikal. Bezeichnenderweise blieb man dafür klassenbewusst in der comfort zone der Stendaler Innenstadt, während die Menschenfeinde durch den sozialen Brennpunkt Stadtsee latschten – in dem immerhin über die Hälfte der Stadtbevölkerung leben.

Fazit:
Wie zu erwarten bejubelten noch am Abend alle Seiten ihren Einsatz. Für AntifaschistInnen stellt sich die Frage, wie man mit den regelmäßigen Nazi- und „Bürgerbewegungs“-Aufmärschen in Sachsen-Anhalt in Zukunft umgehen soll. Kundgebungen des Herz-statt-Hetze- oder Studierenden-Bündnisse erscheinen nicht wirklich als Option, weil die vergangenen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weder zur Aufklärung des Neonaziproblems noch zur Verhinderung der Aufmärsche beitrugen. Stattdessen wurde das Bestehende in ein besseres Licht gerückt, Stendal zur „bunten“ Stadt umgelogen und nichts weiter als moralische Überlegenheit demonstriert.

…totally looks like revolution

[Teaser] Update: Neonaziaufmarsch in Stendal

Bild SDL

[Teaser] ‪#‎nonazissdl‬ inkl. Updates.
Die Neonazis von Die Rechte und militante Kameradschaften in der Altmark mobilisieren für den 23. Januar zum Marsch durch Stendal. Die Vorbereitung der Gegenaktivitäten läuft. Stay tuned!

Update 2:

  • Die Karte ist online: Stendal – Karte fuer 23.01.2016
  • Nazis haben am Wochenende viele Stendaler Briefkästen mit ultrapeinlichen Flugblättern versorgt. In vier Schriftarten und ohne Rechtschreibprüfung betteln sie um Teilnahme am Marsch.

Update:

  • Der Naziaufmarsch in Stendal wird mit ziemlicher Sicherheit durch das Stadtviertel Stadtsee führen. Dort befinden sich auch die Asyl-Gemeinschaftsunterkunft sowie zahlreiche Wohnungen von AsylbewerberInnen, die dezentral untergebracht sind.
  • Am 10.01. marschierte bereits der Stendaler Pegidaableger „Bürgerbewegung Altmark“ durch die Stadt. BeobachterInnen zufolge nahm die TeilnehmerInnenzahl, insbesondere die Zahl der offensichtlich militanten Neonazis und Hools, wieder zu.
  • In der Nacht vom 11.01. auf den 12.01. fand ein Naziangriff in Salzwedel statt, ein Molotowcocktail wurde auf das AZ geworfen.
    Nazigruppierungen der Altmark radikalisieren sich offensichtlich. Es ist geboten, die Militanz von Die Rechte und der Freien Kräfte ernstzunehmen und sich diesem Marsch entgegenzustellen.

Hintergrund:
Die Reichsbürger-Spaziergänge von „Bürgerbewegung Altmark“-Organisator Martin Knaak holen mittlerweile keinen Nazi mehr Sonntags vom Sofa. In den letzten Wochen verringerte sich die Zahl der TeilnehmerInnen der Möchtegern-Pegidisten stetig. Zivilgesellschaftlich Engagierte und AntiafaschistInnen warnten jedoch davor, dass organisierte Neonazis die Ankündigung des Baus einer Zentralen Aufnahmestelle für AsylbewerberInnen für 2016 in Stendal für ihre Zwecke instrumentalisieren würden. Mittlerweile wurde der Bau auf 2017 verschoben.
Mit dem Jahreswechsel begann der Landesverband Die Rechte Sachsen-Anhalt trotzdem mit der überregionalen Mobilisierung für den 23. Januar 2016. Das Motto lautet „Perspektiven statt Massenzuwanderung“. Das gleiche Motto hatten bereits die Aufmärsche in Oschersleben am 05. Dezember 2015, wo über 150 Nazis u.a. AntifaschistInnen bedrohten, und in Halberstadt am 03.Oktober 2015, wo 400 Nazis davon abgehalten werden konnten, zur Halberstädter ZAST zu marschieren.

Marco Hertzfeld von der Altmark Zeitung hat eine Zusammenfassung zu den Aktivitäten von Die Rechte und zu vergangenen Nazidemos in Stendal erstellt.
Bericht der Antifaschistische Aktion Salzwedel [AAS] zum Anschlag

Über den Esoheiler Dr. Girke, Rudolf Steiner und Zettel in der Hochschule

Als ob es nicht schon genug wäre mit Reichsbürgerinnen und völkischen Esoterikerinnen, die alle zwei Wochen am Winckelmannplatz herumstehen – nun darf man sich auch noch an der eigenen Hochschule mit dem Vortrag eines Esoheilers herumärgern.

Dr. Girke, seines Zeichens Internist, Diabetologe und Palliativmediziner ist schon viele Jahren in der anthroposophischen Szene aktiv. Er ist Vorstand im Dachverband anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMID) und Herausgeber und Autor verschiedenster Publikationen zur anthroposophischen Medizin. Am 9. Dezember darf er an der Hochschule in Stendal einen Vortrag zu seinen anthroposophischen Methoden halten, organisiert wird das Ganze von einer namhaften und etablierten Professorin der Hochschule.

Anthroposophie – die von dem völkischen Rassisten Rudolf Steiner1 begründete Philosophie – hat aus guten Gründen an anderen Universitäten und Hochschulen keinen Platz. Steiner hat sich nicht nur ziemlich eindeutig zu Geschlechterrollen, zur Rassen- und Judenfrage geäußert. Seine ganze “Wissenschaft” ist kontaminiert mit esoterischen Auffassungen, die sich jeder vernünftigen Prüfung entziehen.

Im Aufruf für die Veranstaltung wird nicht nur positiv auf die Anthroposophie Bezug genommen, die heute teils nicht mehr die alte Brisanz besitzt. Es gibt einzelne Waldorfschulen, die sehr stark versuchen, an einen freiheitlich-demokratischen Diskurs anknüpfungsfähig zu bleiben oder die sich eindeutig gegen völkisch-nationalistische oder verschwörungstheoretische Vorgänge wenden2. Ebenso seien liberal-reformistische Ansätze genannt, die versuchen, Steiner neu und entschärft zu interpretieren – ob das so einfach geht, werden wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Im Aufruf zum Vortrag am 09.12. in der Hochschule in Stendal wird sich zumindest, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, positiv auf Steiner bezogen:

„Die Anthroposophische Medizin versteht sich nicht als „Alternativmedizin“, sondern als eine Erweiterung der naturwissenschaftlichen Medizin durch die Grundlagen der von Rudolf Steiner (1861-1925) begründeten anthroposophischen Menschenkunde“.

Es darf niemanden überraschen, dass sich ausgerechnet Mediziner wie Girke der Esoterik zuwenden, ist doch die Medizin so sinnentleert und so auf die Reparatur der Menschenmechanik ausgerichtet, dass sie der Komplexität von Mensch und Gesellschaft und den Möglichkeiten von Heilung nicht im Ansatz gerecht wird. Kein Wunder, dass Ärztinnen verzweifelt nach einem Sinn in ihrem Tun suchen. Die oberflächliche, intuitiv-unmittelbare und jedes Stereotyp bestätigende Philosophie Steiners liegt als Bezugspunkt nahe. Dazu klingen Steiners Schriften verschwurbelt und täuschen Durchdachtheit vor – so darf sich die anthroposophische Medizinerin ganz reflektiert geben ohne ihre Position und die dem Patientinnenverhältnis immanente Hierarchie je aufgeben zu müssen. Im Gegenteil sind die „spirituellen“ Geheimnisse der anthroposophischen Medizin nur für die Eingeweihten wirklich versteh- und erfahrbar und natürlich nicht in Wirksamkeitsstudien beweisbar.

Anthroposophie als verschrobener aber harmloser Ansatz der Krankheitsbehandlung? Könnte man annehmen, wären nicht bis heute eine anthroposophische Krebstherapie mit Mistelextrakten etabliert, deren Nutzen bestenfalls ungewiss ist3. Auch gehen höchst bedenkliche Grundideen der anthroposophischen Medizin auf Steiner zurück, die von einem zutiefst menschenverachtenden Weltbild zeugen. Krankheit und Schmerz werden von Steiner und linientreuen Anthroposophen als etwas Gutes verstanden: Sie formten den Menschen, machten ihn menschlicher und seien unverzichtbarer Bestandteil seiner Entwicklung. Nichts anderes vertritt auch Girke:

„Aus den Erfahrungen mit seinen Patienten berichtete Girke von Reifungsprozessen, die an Menschen, die schwere Krankheiten überwunden haben, zu beobachten seien. Gut zu sehen sei dies auch als Urphänomen bei Kinderkrankheiten. In diesem Zusammenhang ging er auch auf die wichtige Bedeutung des Fiebers ein, die Heilung mit sich bringe und nicht unterdrückt werden solle. Heilung habe immer etwas mit Entwicklung zu tun, betonte Girke“4.

Es ist bedenklich genug, dass nur die anthroposophische Medizin einen Ausweg aus dem Dilemma der völligen Entfremdung von der Patientin zu bieten scheint. In der verzweifelten Hoffnung, sich den Schäfchen endlich nicht mehr nur noch mit Diagnosemanual und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen nähern zu müssen, fallen selbst sonst scharfsinnige Heilkundige auf den ideologischen Bullshit der Ganzheitlichkeit herein, die zur individuellen auch eine „spirituelle Ebene“5 integrieren will. Passend auch, dass die anthroposophische Medizin sich nicht als Gegenbewegung zur „Schulmedizin“ sehen will, sondern sich an ihrer Seite sieht. Die Umarmungstaktik bringt’s: kaum eine Esoterik, die so stark in das deutsche Gesundheitssystem integriert ist, die Techniker Krankenkasse zahlt anthroposophische Medikamente (deren Wirksamkeit keineswegs nachgewiesen ist) und selbst die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens dient sich als Schirmherrin für anthroposophische Kongresse an.

Am Fachbereich der angewandten Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal hat sich jedenfalls eine Resignation verbreitet. Alles wie gehabt: Das Kollegium der Hochschule Magdeburg-Stendal umschifft das Thema pseudowissenschaftliche Methoden lieber, statt konsequent für eine wissenschaftlich-reflektierte Herangehensweise Position zu beziehen, um Forschungsmethoden, die durch Ökonomisierung und ideologische Vereinfachungen verdrängt wurden, einen Platz zu geben und den wissenschaftlichen Dissenz zu fördern. Übrig bleiben Lähmung und Konfliktvermeidung.

1 “Heutige Kritiker halten sich zu Recht oft an den hässlichen Rassenlehren Steiners und seiner Anhänger auf. Deren Evolutionsideologie sieht jedoch die allmähliche »Überwindung« der Rassen durch das »Ich« vor, wofür der »Sonnengeist« Christus verantwortlich ist. Nationalismus heißt für Steiner Rückfall in ein blutgesteuertes Kollektivbewusstsein, das er mit dem »Mondgeist« Jahwe assoziiert und im Judentum verkörpert sieht. Dagegen steht die »urdeutsche Tugend des Kosmopolitismus«, die nur im »Ich« errungen werden kann. Dem »deutschen Volksgeist« kommt somit die Weltmission zu: »Deutscher ist man nicht, Deutscher wird man.«” http://jungle-world.com/artikel/2015/33/52475.html

2 https://waldorfblog.wordpress.com/2015/07/10/jebsen-goeppingen/

3 http://www.scilogs.de/detritus/mistelextrakte-gegen-krebs/

4 http://www.nna-news.org/de/nachrichten/artikel/jede-krankheit-bedeutet-dass-der-mensch-reift-108/

5 Ebd.

Rechter Gesinnungsmarsch in Stendal – nicht vom Himmel gefallen

Ein Jahr PEGIDA. Die Teilnehmerzahlen der Aufmärsche in Dresden wachsen wieder. Dass sie vor allem im Osten Deutschlands, wo der Ausländeranteil verschwindend gering ist, auf breite Zustimmung stoßen, ist kein Zufall. Schon immer sagte Rassismus mehr über seine Träger aus als über die Betroffenen. Heute hat sich auch in Stendal ein klägliches Häufchen zusammengefunden und will auf der Welle rechter Gesinnungsmärsche Wendeverlierer und Ewiggestrige aber auch die Abgehängten und die Benachteiligten der Altmark einsammeln. Man ist sich dabei nicht zu schade, mit Neonazi-Gewalttätern zu kooperieren. Um sich endlich wieder stark zu fühlen – gegen noch Schwächere.

Es ist falsch, die TeilnehmerInnen als das Böse schlechthin abzustempeln. Es gilt zu analysieren, welche Denkweisen aus Menschen Antihumanisten werden lässt. Der rationale Teil ihrer Denke lässt sich auf eine begründete Abstiegsangst und ein jahrzehntelang kultiviertes, ostdeutsches Ohnmachtsgefühl zurückführen. Der irrationale Teil zeigt sich in Ausländerhass, Wohlstandschauvinismus und in einem Festhalten am nationalen Zwangskollektiv. Das Ganze wird nur mühsam als Argumentation verschleiert.

Ein besonderes Feindbild sind heute Muslime. Dabei geht es nicht um durchausnotwendige und berechtigte Religionskritik. Und auch nicht um den Mehrheitsmuslim in Deutschland (einer neueren Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge sollen 90 Prozent der deutschen Muslime Befürworter der Demokratie sein. Eindeutig sind Muslime für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eine kleinere Gefahr als die ostdeutschen Spaziergänger, die ihren Hang zum autoritären Führungsstaat auf die Straße tragen). PEGIDA-Positionen haben dort Zulauf, wo die Hartz IV- und nicht die Muslim-Quote am höchsten ist. Mit Hartz IV verallgemeinert sich eine einst den unteren Schichten vorbehaltene Deklassierungsangst nach oben. Härte gegen sich selbst und zur Ideologie geronnener Verzicht treffen bei den Gesinnungsspaziergängern
auf ein aggressives Opferbewusstsein. Da ist kein Platz mehr für Mitgefühl. Diese Leute nehmen das Leben als einen ständiger Kampf wahr, ein nie endendes Wir-hier-unten gegen Die-da-oben. Und das ist es, was den Organisatoren des heutigen Spaziergangs das Gefühl gibt, sich aus ihrer sonstigen Bedeutungslosigkeit erheben zu können. Warum sie gewalttätige Neonazis, hasserfüllte Straftäter auf ihrer Veranstaltung willkommen heißen und es zugleich wagen, sich als „Bewegung“ bezeichnen: sie sehen sich als die wahren Opfer, die jedes Recht hätten, irrational, aggressiv und ressentimentgeladen zu agieren.

Ein anderer Grund, warum diese rassistischen Märsche stattfinden, ist ohne Zweifel der Anstieg der Flüchtlingszahlen in Deutschland. Die rechten Wutbürger verwenden immer dasselbe Argumentationsmuster. Kriegsflüchtlinge: ja. Kriminelle und Armutsflüchtlinge: nein. Diese Unterscheidung der Fluchtgründe ist schon strukturell rassistisch. Die Armut
der Dritten ist ein Exportprodukt der Ersten Welt, in der man noch vergleichsweise gut lebt. Aber der Mob will entscheiden, wer ein richtiger Flüchtling ist. Und, dies sei vorweg genommen, aus Sicht des Mobs ist das praktisch niemand.

Hier tappen Engagierte, die sich den Märschen entgegenstellen wollen, oft in eine Falle: Die Gefahr ist, dass der öffentliche Diskurs vom tatsächlich notwendigen Diskussionsbedarf abgekoppelt wird. Als Beispiel ein Fall in Thüringen: In Suhl gab es im Sommer in einer Flüchtlingsunterkunft eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Geflüchteten.
Ein atheistischer Syrer schmähte vorsätzlich den Koran. Ein islamistisch motivierter Mob wollte den „Ungläubigen“ zur Rechenschaft ziehen. Der Atheist flüchtete sich in das Büro des Wachpersonals, das daraufhin geradezu gestürmt wurde. Sicher sind die bedrückende Situation im völlig überbelegten Lager, die Traumatisierung vieler Bewohner und nicht zuletzt der Stress durch andauernde Hetze deutscher Rassisten Gründe für die Eskalation. Infolge dieses Vorfalls wurde aber in bestimmten Bevölkerungskreisen das Bild zementiert, dass die Bundesrepublik Deutschland sich das Problem des Islamismus aus dem Nahen Osten importiert habe.

Allen, die darauf nichts zu antworten wissen, als das hilflose, all das habe mit dem Islam nichts zu tun, denen muss widersprochen werden. Der politische Islam ist kein Alleinstellungsmerkmal des IS. Und er kann auch Bestandteil der Denkweise nicht weniger Menschen sein, die vor Kriegsfolgen fliehen. Die Tatsache, dass Flüchtlinge reaktionäre Ideologien mitbringen können, übersteigt aber oft die Vorstellungskraft zivilgesellschaftlicher Optimisten, deren Bild vom Flüchtling irgendwo zwischen dem „edlen Wilden“ und dem besserem Untertan schwankt.

Wir haben die Verantwortung, die Menschlichkeit von Flüchtlingen mit all ihren Facetten anzuerkennen. Wir dürfen Geflüchtete nicht gleich machen, sondern müssen ihre Positionen ernst nehmen. Wir dürfen uns einerseits nicht die vereinfachenden Diskurse aufzwingen lassen und dem Drängen der Wutbürger nachgeben, die dem Problem mit Abschiebung und Grenzsicherung begegnen wollen. Andererseits liegen wir falsch mit einer Argumentation die ins Gegenteil kippt: Wenn Geflüchtete idealisiert und infantilisiert werden und religiöse Überzeugungen absolut unantastbar werden. So können wir weder zivilisatorische Mindeststandards verteidigen, die von den Hetzern
verschiedener Couleur bedroht werden, noch können wir Zuflucht Suchenden diese Mindeststandards bieten. Das Drängen auf die Aufnahme aller Flüchtlinge und eine menschenwürdige, dezentrale Unterbringung bleibt das Gebot der Stunde. Darüber hinaus ist es geboten, Partei zu ergreifen: für säkulare Muslime, für alleinreisende Frauen, für homosexuelle Frauen und Männer.

In Stendal wird im Sommer 2016 eine Zentrale Aufnahmestelle eingerichtet. Auf dem Gelände der Heidekaserne werden tausende Menschen einige Kilometer außerhalb der Stadt als Flüchtlinge dritter Klasse vegetieren müssen und nahezu schutzlos der virulenten Xenophobie von Teilen der Bevölkerung ausgesetzt sein. Es reicht nicht, heute die Gelegenheit zu nutzen, sich an den Altmärker Rassismusspaziergängern mal so richtig die Füße abzuputzen. Statt sich hier plötzlich als Speerspitze des Aufstands der Anständigen zu inszenieren, wie OB Schmotz und Andere, müssen wir gegen diesen staatlich gesteuerten Umgang mit Flüchtlingen Sturm laufen. Es braucht Verständnis, Engagement, Solidarität, Aufklärung, Aneignung.

AKTIONSBÜNDNIS STENDAL
Auszüge aus Flugblatt der Antifa Suhl/Zella-Mehlis, 2015