Über den Esoheiler Dr. Girke, Rudolf Steiner und Zettel in der Hochschule

Als ob es nicht schon genug wäre mit Reichsbürgerinnen und völkischen Esoterikerinnen, die alle zwei Wochen am Winckelmannplatz herumstehen – nun darf man sich auch noch an der eigenen Hochschule mit dem Vortrag eines Esoheilers herumärgern.

Dr. Girke, seines Zeichens Internist, Diabetologe und Palliativmediziner ist schon viele Jahren in der anthroposophischen Szene aktiv. Er ist Vorstand im Dachverband anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMID) und Herausgeber und Autor verschiedenster Publikationen zur anthroposophischen Medizin. Am 9. Dezember darf er an der Hochschule in Stendal einen Vortrag zu seinen anthroposophischen Methoden halten, organisiert wird das Ganze von einer namhaften und etablierten Professorin der Hochschule.

Anthroposophie – die von dem völkischen Rassisten Rudolf Steiner1 begründete Philosophie – hat aus guten Gründen an anderen Universitäten und Hochschulen keinen Platz. Steiner hat sich nicht nur ziemlich eindeutig zu Geschlechterrollen, zur Rassen- und Judenfrage geäußert. Seine ganze “Wissenschaft” ist kontaminiert mit esoterischen Auffassungen, die sich jeder vernünftigen Prüfung entziehen.

Im Aufruf für die Veranstaltung wird nicht nur positiv auf die Anthroposophie Bezug genommen, die heute teils nicht mehr die alte Brisanz besitzt. Es gibt einzelne Waldorfschulen, die sehr stark versuchen, an einen freiheitlich-demokratischen Diskurs anknüpfungsfähig zu bleiben oder die sich eindeutig gegen völkisch-nationalistische oder verschwörungstheoretische Vorgänge wenden2. Ebenso seien liberal-reformistische Ansätze genannt, die versuchen, Steiner neu und entschärft zu interpretieren – ob das so einfach geht, werden wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Im Aufruf zum Vortrag am 09.12. in der Hochschule in Stendal wird sich zumindest, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, positiv auf Steiner bezogen:

„Die Anthroposophische Medizin versteht sich nicht als „Alternativmedizin“, sondern als eine Erweiterung der naturwissenschaftlichen Medizin durch die Grundlagen der von Rudolf Steiner (1861-1925) begründeten anthroposophischen Menschenkunde“.

Es darf niemanden überraschen, dass sich ausgerechnet Mediziner wie Girke der Esoterik zuwenden, ist doch die Medizin so sinnentleert und so auf die Reparatur der Menschenmechanik ausgerichtet, dass sie der Komplexität von Mensch und Gesellschaft und den Möglichkeiten von Heilung nicht im Ansatz gerecht wird. Kein Wunder, dass Ärztinnen verzweifelt nach einem Sinn in ihrem Tun suchen. Die oberflächliche, intuitiv-unmittelbare und jedes Stereotyp bestätigende Philosophie Steiners liegt als Bezugspunkt nahe. Dazu klingen Steiners Schriften verschwurbelt und täuschen Durchdachtheit vor – so darf sich die anthroposophische Medizinerin ganz reflektiert geben ohne ihre Position und die dem Patientinnenverhältnis immanente Hierarchie je aufgeben zu müssen. Im Gegenteil sind die „spirituellen“ Geheimnisse der anthroposophischen Medizin nur für die Eingeweihten wirklich versteh- und erfahrbar und natürlich nicht in Wirksamkeitsstudien beweisbar.

Anthroposophie als verschrobener aber harmloser Ansatz der Krankheitsbehandlung? Könnte man annehmen, wären nicht bis heute eine anthroposophische Krebstherapie mit Mistelextrakten etabliert, deren Nutzen bestenfalls ungewiss ist3. Auch gehen höchst bedenkliche Grundideen der anthroposophischen Medizin auf Steiner zurück, die von einem zutiefst menschenverachtenden Weltbild zeugen. Krankheit und Schmerz werden von Steiner und linientreuen Anthroposophen als etwas Gutes verstanden: Sie formten den Menschen, machten ihn menschlicher und seien unverzichtbarer Bestandteil seiner Entwicklung. Nichts anderes vertritt auch Girke:

„Aus den Erfahrungen mit seinen Patienten berichtete Girke von Reifungsprozessen, die an Menschen, die schwere Krankheiten überwunden haben, zu beobachten seien. Gut zu sehen sei dies auch als Urphänomen bei Kinderkrankheiten. In diesem Zusammenhang ging er auch auf die wichtige Bedeutung des Fiebers ein, die Heilung mit sich bringe und nicht unterdrückt werden solle. Heilung habe immer etwas mit Entwicklung zu tun, betonte Girke“4.

Es ist bedenklich genug, dass nur die anthroposophische Medizin einen Ausweg aus dem Dilemma der völligen Entfremdung von der Patientin zu bieten scheint. In der verzweifelten Hoffnung, sich den Schäfchen endlich nicht mehr nur noch mit Diagnosemanual und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen nähern zu müssen, fallen selbst sonst scharfsinnige Heilkundige auf den ideologischen Bullshit der Ganzheitlichkeit herein, die zur individuellen auch eine „spirituelle Ebene“5 integrieren will. Passend auch, dass die anthroposophische Medizin sich nicht als Gegenbewegung zur „Schulmedizin“ sehen will, sondern sich an ihrer Seite sieht. Die Umarmungstaktik bringt’s: kaum eine Esoterik, die so stark in das deutsche Gesundheitssystem integriert ist, die Techniker Krankenkasse zahlt anthroposophische Medikamente (deren Wirksamkeit keineswegs nachgewiesen ist) und selbst die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens dient sich als Schirmherrin für anthroposophische Kongresse an.

Am Fachbereich der angewandten Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal hat sich jedenfalls eine Resignation verbreitet. Alles wie gehabt: Das Kollegium der Hochschule Magdeburg-Stendal umschifft das Thema pseudowissenschaftliche Methoden lieber, statt konsequent für eine wissenschaftlich-reflektierte Herangehensweise Position zu beziehen, um Forschungsmethoden, die durch Ökonomisierung und ideologische Vereinfachungen verdrängt wurden, einen Platz zu geben und den wissenschaftlichen Dissenz zu fördern. Übrig bleiben Lähmung und Konfliktvermeidung.

1 “Heutige Kritiker halten sich zu Recht oft an den hässlichen Rassenlehren Steiners und seiner Anhänger auf. Deren Evolutionsideologie sieht jedoch die allmähliche »Überwindung« der Rassen durch das »Ich« vor, wofür der »Sonnengeist« Christus verantwortlich ist. Nationalismus heißt für Steiner Rückfall in ein blutgesteuertes Kollektivbewusstsein, das er mit dem »Mondgeist« Jahwe assoziiert und im Judentum verkörpert sieht. Dagegen steht die »urdeutsche Tugend des Kosmopolitismus«, die nur im »Ich« errungen werden kann. Dem »deutschen Volksgeist« kommt somit die Weltmission zu: »Deutscher ist man nicht, Deutscher wird man.«” http://jungle-world.com/artikel/2015/33/52475.html

2 https://waldorfblog.wordpress.com/2015/07/10/jebsen-goeppingen/

3 http://www.scilogs.de/detritus/mistelextrakte-gegen-krebs/

4 http://www.nna-news.org/de/nachrichten/artikel/jede-krankheit-bedeutet-dass-der-mensch-reift-108/

5 Ebd.