Wochenend-Kongress rechtsextremer Esoteriker in der Altmark

Am 23. und 24. Juli 2016 fand zwischen Seehausen und Osterburg eine Veranstaltung mit namhaften völkischen EsoterikerInnen und HolocaustleugnerInnen statt. Unter dem Namen „Mutter Erde – Sommerveranstaltung“ wurden im Ortsteil Behrend mehrere Vorträge zu völkisch-esoterischen, antisemitischen und verschwörungsideologischen Themen abgehalten. Die ReferentInnen sind in der esoterischen und verschwörungsideologischen Szene einschlägig bekannt. Die Veranstaltung fand in geschlossenem Rahmen statt, laut offizieller Ankündigung werde den TeilnehmerInnen der Veranstaltungsort nach Zahlung eines „Energieausgleichs“ in Höhe von 25,- Euro mitgeteilt.

Bei dem Veranstaltungsort handelte es sich um den Gehrhof im Seehausener Ortsteil Behrend, einem Bauernhof, der nach Angaben auf seiner Webseite „regional & biologisch“ produziert. Eine zugehörige Verkaufsstelle des Gehrhofs in der nahegelegenen Stadt Osterburg ist nach offiziellen Angaben mittlerweile dauerhaft geschlossen. Die Verbindung des Gehrhofs mit der völkischen und esoterischen Szene ist lokal bereits länger bekannt. Auf dem Blog Der Honigmann sagt des Antisemiten, „Reichsbürgers“, Verschwörungsideologen und verurteilten Holocaustleugners Ernst „Honigmann“ Köwing findet sich am 9. Mai 2013 der Gastbeitrag der Besitzerin des Gehrhofs, Christiane Mucheyer, die dort in wirrer Manier eine Auseinandersetzung mit den örtlichen Behörden beschreibt (Volksstimme-Artikel hierzu vom 10.05.2013)

Als veranstaltende Organisationen der Veranstaltung auf dem Gehrhof sind laut Webseite genannt: „Mutter Erde Sachsen-Anhalt e.V. und dem URAHNENERBE GERMANIA an der ELBE“. Der Verein „Mutter Erde e.V. Sachsen-Anhalt“ ist bisher nur in Gründung und hat noch keinen Registereintrag.

Zur Veranstaltung rief unter anderem der bereits genannte Ernst Köwing auf, der auch als Redner gelistet wurde. Köwing veröffentlicht auf seinem Blog rechtsextreme, verschwörungsideologische, antisemitische und esoterische Inhalte. Ende 2013 wurde er vom Amtsgericht Varel wegen Volksverhetzung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, da er auf seiner Webseite Texte veröffentlichte, in denen der Holocaust geleugnet wurde.

Als weitere RednerInnen sind unter anderem genannt: Frank Willy Ludwig, auf dessen Facebookprofil diverse Hakenkreuze zu finden sind. Er ist der russischstämmigen Anastasia-Sekte zuzuordnen, die eine rassistische Weltsicht vertritt. Eva-Maria Görgner ist offiziell im Vertrieb alternativer Energien aktiv, ist jedoch auch Betreiberin der Webseite „Galaxiengesundheitsrat“, auf der Wundermittel zur Krebsheilung propagiert werden und diverse Webseiten des esoterisch-nationalistischen Spektrums verlinkt sind. Auch hier findet sich eine Verbindung zur Anastasia-Sekte und zur Reichsideologie. Es wird außerdem zur rechtsextremen „Identitären Bewegung“ verlinkt. Chef des „Galaxiengesundheitsrates“ ist der selbsternannte Scheinstaat-König, Impfgegner und Esoteriker Thomas Patock.
Der Vorstand des Vereins „Mutter Erde Bayern e.V.“, Holger von Boeselager, ist beruflich in der Immobilienbranche und vertreibt ebenfalls erneuerbare Energien. Er warnt auf der Veranstaltung vor sogenannten Chemtrails, also Flugzeug-Kondensstreifen, denen die verschwörungsideologische Szene unter anderem zuschreibt, sie enthielten Chemikalien zur Gedankenkontrolle. Sowohl Görgner als auch Boeselager haben enge Verbindungen zum „Freigeistforum Tübingen“, einer verschwörungsideologischen und esoterischen Organisation.

Alle ReferentInnen sind dem Milieu der selbsternannten „Reichsbürger“ zuzuordnen. Dabei handelt es sich um VerschwörungsideologInnen, die die Bundesrepublik Deutschland als eine weltweite Verschwörung gegen die Deutschen imaginieren und stattdessen das Fortbestehen eines Deutschen Reiches proklamieren. Bekanntester Vertreter der Reichsbürgerideologie ist der rechtsextreme Holocaustleugner Horst Mahler. Reichsideologische Pseudoargumente werden jedoch auch von Xavier Naidoo verteten. Eine Ausarbeitung zu Reichsbürgern, Grenzbereichen der Szene sowie Handlungsoptionen findet sich auf der Elterninitiativen-Seite Sektenwatch.

Eine ähnliche Veranstaltung fand bereits im Juni im bayerischen Nördlinger Ries statt. Ein Mitschnitt findet sich auf dieser verschwörungsideologischen Seite.

Mehr Informationen zur sogenannten „Germanischen Medizin“ finden sich bei bei Publikative.org. Unter anderem findet sich dort ein Artikel zum Tod eines Kindes aufgrund einer unbehandelten Diabetes, 2009. Das Kind wuchs im Umfeld der Szene völkischer SiedlerInnen in Sachsen-Anhalt auf.

Bereits im August 2015 geriet das 20 Kilometer von Seehausen entfernt liegende Dorf Wendemark wegen sogenannter völkischer SiedlerInnen in die Presse. Diese sollen dort aktuell eine rechtsextreme Kommune aufbauen. Durch natürliche und juristische Personen aus dem Umfeld einer Familie B., die seit Jahrzehnten in die extrem rechten völkischen Siedler-Szene eingebunden ist, sollen wiederholt Grundstücke aufgekauft worden sein.

MYSTIK UND MODERNE – Eine Bildungsreihe.

Mittwoch, 25. Mai 2016:
Körper, Karma, Kosmos. Heil und Heilung in der Anthroposophie
Vortrag von Ansgar Martins

18:00 Uhr, Audimax Haus 3, Hochschule Stendal
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Den Anstoß zur Organisation des Vortrags gab eine Veranstaltung an der Hochschule im vergangenen Dezember mit Dr. Matthias Girke, einem anthroposophischen Mediziner der Klinik Havelhöhe. Dieser nutzte die Gelegenheit, seinen stark von Rudolf Steiner beeinflussten Ansatz darzustellen. Im Kontext dieser Veranstaltung kam es zu studentischen Protesten:
http://abstendal.blogsport.de/2015/12/06/3/.

Mittwoch, 01. Juni 2016:
Antisemitismus – Der Hass auf die Emanzipation
Vortrag von Martin Dornis

18:00 Uhr, Aula Haus 1, Hochschule Stendal
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Sonntag, 26. Juni 2016
Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus
Workshop mit Katharina Eggers

12:00 Uhr, Ort wird noch bekannt gegeben.
Anmeldung bis 21.06.2016 an seminar.sdl [at] gmail.com
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Mit Unterstützung der Amadeu Antonio Stiftung, des Studierendenvereins StuVe e.V, des Studierendenrates der Hochschule Magdeburg-Stendal und des Fachschaftsrates von AHW/Wirtschaft.

Deutscher Heimatschutz in Rathenow – bunt und tolerant

Für den 5.3.16 hat das rassistische, ‚asylkritische‘ „Bürgerbündnis Deutschland“ zu einer Großdemonstration in Rathenow aufgerufen. Dieses überregionale Netzwerk, das aus dem Bürgerbündnis Havelland hervorgegangen ist [1], vereint nach eigenen Angaben „Bürgerbewegungen und Patrioten aus ganz Deutschland“. Vordergründig soll die Veranstaltung dazu dienen, „ein Zeichen für Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu setzen“ [2]. Tatsächlich steht das Bürgerbündnis Havelland für genau die hässliche deutsche Fratze, welche sich am Donnerstagabend den 18.02.2016 in Clausnitz zu einem Mob in Pogromstimmung zeigte. Für die bevorstehende Veranstaltung ist u.a. Victor Seibel, der dem Kasseler Pegida-Ableger Kagida, einer neonazistisch dominierten Gruppierung, zuzuordnen ist, als Redner angekündigt, sowie Anhänger von „Zukunft Heimat“ aus dem Spreewald als Teilnehmer [1].
Ein wichtiger Termin also, um Rathenow zu besuchen und den besorgniserregenden BürgerInnen und ihren befreundeten FaschistInnen entgegen zu treten.

Gleichzeitig rufen das „Bildungsbündnis Havelland“ und das „Aktionsbündnis Rathenow“ zu einer Gegenveranstaltung unter dem Motto „Rathenow ist und bleibt bunt“ auf [3]. Abgesehen von der offensichtlichen Falschbehauptung, Rathenow sei bunt (nicht umsonst findet die Großdemo der besorgniserregenden BürgerInnen dort statt), fällt der Ankündigungstitel auf Facebook äußerst übel auf: „RATHENOW HAT ETWAS BESSERES VERDIENT! Hier sind wir aufgewachsen, das ist unser Zuhause – lasst uns nicht zusehen, wie es verkommt!“. Das ist deutscher Heimatschutz vom feinsten – nur von der vermeintlich anderen Seite. Man ist zwar „bunt statt braun“, aber bitte immer noch national und patriotisch.
Vehement will man gegen Nazis vorgehen, in dem man ein Zeichen für Toleranz setze. Zeichen, die vor allem dazu dienen, das eigene Kaff in einem positiveren Licht da stehen zu lassen, ohne dass durch RassistInnen bedrohte Menschen, bspw. Geflüchtete oder alternative Jugendliche, etwas davon hätten.

Die Naivität dieser Veranstaltung zeigt sich im verzweifelten Versuch, das eigene hässliche Nazikaff schön zu machen, während der Ausfluss der eigenen Ignoranz unübersehbar wird durch das Tolerieren der schon lange vor sich hin schwelenden Kameradschaften.
Naiv mutet auch der Versuch an, mit diesen nationalen Parolen AntifaschistInnen anzulocken: Angeblich hat sich auch „die Antifa“ angekündigt. Weder gibt es „die Antifa“, noch ist dieser Aufruf für AntifaschistInnen anschlussfähig. Daher werden wir uns diesem Aufruf nicht anschließen.

Dennoch wollen wir noch einmal mit allem Nachdruck dazu aufrufen, den eigenen Kopf ein-, nationale Befindlichkeiten auszuschalten und am 5. März nach Rathenow zu kommen.
Mehr Infos werden folgen.

[1] http://m.maz-online.de/Lokales/Havelland/Asylkritiker-goennen-Rathenow-keine-Ruhe
[2] https://www.facebook.com/events/839857012790009/
[3] https://www.facebook.com/events/758498274280261/

Stendal im Kampf für Heimat und das gute Gewissen

Kommentar zum Aufmarsch der Nazis am Samstag, dem 23. Januar 2016.

Seit Jahren hat es in Sachsen-Anhalt keine so große Menge an Naziaufmärschen gegeben. In Stendal rief der Aufmarsch von Die Rechte und Freien Kräften am 23.01. eine beeindruckende Reaktion seitens der Zivilgesellschaft hervor – bedenkt man die sonst übliche Ignoranz, das Totschweigen, die übliche zu Passivität geronnene Ohnmacht gegenüber dem konservativen Filz, die das sonstige politische Treiben sonst auszeichnet. Deprimierend ist, dass diese Reaktion aus symbolischem Treiben bestand, bis auf ein paar anerkennenswerte Ausnahmen. Wahlweise war man offensichtlich von Wahlkampf und bitter nötiger Profilschärfung angetrieben (z.B. die Stadtratssitzung auf dem Marktplatz), wahlweise wurden die üblichen Rituale zur Reinigung des Gewissens durchgeführt (abendliche Lichterkette für den Frieden).

Wie geplant liefen die Nazis an diesem Tag die Röxer Straße entlang. Hier scheiterte ein Blockadeversuch an der zu geringen Zahl an GegendemonstrantInnen. Auf Höhe der Tankstelle wurde das Pack von der Kundgebung der Studierenden, eingemauert hinter Hamburger Gittern, empfangen. Angeblich flogen Schneebälle und platzten auf den mehrere Meter entfernten Glatzen, weshalb ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher (!) Körperverletzung gegen Unbekannt eingeleitet wurde.
Ansonsten durch die Polizeipräsenz vollkommen abgeschirmt latschte der deutschnationale Haufen ins Wohngebiet hinein und wurde, vermutlich aufgrund einer erfolgreichen Blockade auf der Brücke Frommhagenstraße/Ecke Grabenstraße, umgeleitet. Der Marsch der Nazis wurde ausgerechnet in das teils migrantisch bewohnte Wohngebiet in der Friedrich-Ebert-Straße gelenkt – und in Richtung der Geflüchtetenunterkunft. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Linkspartei, die eine Kundgebung an der Zufahrt der Unterkunft angemeldet hatte und angeblich bis zum Abend aufrecht erhalten wollte, ihren Stand schon längst geräumt und die verantwortlichen ProtagonistInnen waren lieber auf der Kundgebung der Studierenden. Am Ende der Friedrich-Ebert-Straße machten die Nazis kehrt und latschten einfach den gleichen Weg wieder zurück. Wie zuvor bei den Linken war nun auch die Kundgebung der Studierenden bereits aufgelöst, was Protest auf dem veränderten Rückweg der Nazis unmöglich machte. So konnte der Nazihaufen unbehelligt wieder zum Bahnhof trotten und die Schrebergärten mit den üblichen Vernichtungsparolen beschallen.

Was von diesem Tag im Gedächtnis bleibt ist der extreme Wintereinbruch, der am Sonntag genauso schnell wieder weg war wie er am Samstag kam. In diesem Schneematschpfuhl, der Stendal am Demotag war, war allein die Polizei im Vorteil. Die kamen als Einzige in der geplanten Stärke an. In übertriebener Masse, im Verhältnis zu Nazis und GegendemonstrantInnen, und dementsprechend entspannt latschten die PrügelknabInnen also durch die Stadt, schikanierten hier, schubsten da, hielten sinnlos Leute fest und waren mit sich und der Welt sichtbar im Reinen. Volksverhetzende Musik indizierter Bands, Vermummungen, Bewaffnung mit Quarzsandhandschuhen und auch die Schneeballwürfe aus der Demo der Nazis wurden weitgehend ignoriert. Immerhin wurde in all der Selbstzufriedenheit das Prügeln vergessen.
Dass die vorab auf diesem Blog veröffentlichte Karte auch durch die Polizei genutzt wurde, ist nicht verwunderlich, die war vermutlich besser als das meiste, das polizeiinterne Leute zustande bringen können. Es lässt tief blicken.

Ebenfalls tief blicken lässt der Entschluss der Linken, ihre Kundgebung, die eigens zum Schutz der Geflüchtetenunterkunft angedacht war, noch vor bzw. zu Beginn der Nazidemo aufzulösen, ohne überhaupt sicher zu wissen, wo die Nazis denn nun endgültig laufen. Offenbar ging ihnen der Schutz der GU ziemlich hinten vorbei.
Einige Engagierte verbrachten den Abend in der Geflüchtetenunterkunft, um im Falle eines Angriffs möglichst schnell die Polizei zu alarmieren und antifaschistischen Schutz organisieren zu können. Wacker durchgehalten haben die Piraten am Wernerplatz, die ihre Kundgebung bis zum Schluss aufrecht erhielten. Ermutigend waren auch die Genossinnen, Genossen und unverzagten AntifaschistInnen, die sich an diesem Tag nicht davon abhalten ließen, nach Stendal zu kommen.

Hervorstechend war der ebenso kühne wie hoffnungslose Blockadeversuch von spektakulären zwei (2) Personen, einer beherzten Hochschulprofessorin und einer Linken-Abgeordneten im Wahlkampf. Die Harakiri-Aktion blieb, abgesehen von einer Beule und einem publikumswirksamen Erinnerungsschnappschuss für die Zeitung, folgenlos.

Die warmen vier Wände verließ an diesem Tag nur ein kleiner Teil der Stendaler Zivilgesellschaft. Davon war dann ein nicht unbeträchtlicher Teil auf dem Marktplatz herumsitzend anzutreffen. Dort zeigte man sich u.a. von Seiten der CDU verbalradikal. Bezeichnenderweise blieb man dafür klassenbewusst in der comfort zone der Stendaler Innenstadt, während die Menschenfeinde durch den sozialen Brennpunkt Stadtsee latschten – in dem immerhin über die Hälfte der Stadtbevölkerung leben.

Fazit:
Wie zu erwarten bejubelten noch am Abend alle Seiten ihren Einsatz. Für AntifaschistInnen stellt sich die Frage, wie man mit den regelmäßigen Nazi- und „Bürgerbewegungs“-Aufmärschen in Sachsen-Anhalt in Zukunft umgehen soll. Kundgebungen des Herz-statt-Hetze- oder Studierenden-Bündnisse erscheinen nicht wirklich als Option, weil die vergangenen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weder zur Aufklärung des Neonaziproblems noch zur Verhinderung der Aufmärsche beitrugen. Stattdessen wurde das Bestehende in ein besseres Licht gerückt, Stendal zur „bunten“ Stadt umgelogen und nichts weiter als moralische Überlegenheit demonstriert.

…totally looks like revolution